Ein Ort radikal verstandener Toleranz

Der Streit über das Berliner Humboldt Forum verschärft sich: Dient das geplante Museum nur der deutschen Selbstfeier? Eine Antwort Horst Bredekamps an seine Kritiker.

Die Frage, ob Stülers über dem Eosanderportal des Berliner Schlosses errichtete Kuppel mitsamt ihrem Kreuz rekonstruiert werden solle, beschäftigte unlängst sogar den Evangelischen Kirchentag mit beträchtlicher Leidenschaft. Der Fall ist symptomatisch. Und es war nicht das erste Mal, dass über die Erörterung des Humboldt Forums allgemeine Fragen diskutiert wurden, die weit über den Anlass hinausgingen. Warum? Offenkundig ist das Humboldt Forum zu einer riesigen Projektionsfläche geworden, auf die sich die gedanklichen Scheinwerfer zahlreicher Diskurse richten. Die objektiv nicht zu leugnenden Probleme, die ein Projekt dieser Größe und Vision mit sich bringt, verbinden sich mit öffentlichen Diskussionen spezifischer Themen, die andernorts ohne Konkretion bleiben. Das Humboldt Forum zieht allgemeine Grundstimmungen an, um diese zurückzuspiegeln: in Verstärkung oder auch Verzerrung. Als designiertes “Forum” ist die werdende Institution, wie es die Gründungsintendanz mit Neil MacGregor, Hermann Parzinger und mir nicht müde wird zu betonen, genau jener Platz, der zum öffentlichen Austausch, zur Diskussion und zum Zweifeln einladen soll.

In den Pressebeiträgen der letzten Monate dominierten indes lustvolle Bezeugungen des generellen Scheiterns. Angesichts dessen, was unter enormem Zeitdruck bisher erreicht wurde, zielt die Negativität dieser Stimmen jedoch am Faktenstand vorbei. Was die Architekten und Bauleute leisten, grenzt an ein Mirakel. Während der Tage der offenen Tür Anfang Juni haben knapp 40.000 Besucher all dies mit Staunen und Begeisterung zur Kenntnis genommen, und an diesen Tagen hat auch das Programm, das seitens der Gründungsintendanz sowie der Humboldt Forum Kultur GmbH vom Vormittag bis nach Mitternacht durchgeführt worden ist, einen ersten Eindruck davon geben können, was dieses Bürgerhaus anzubieten und zu fordern imstande sein kann.

Horst Bredekamp

Das Phänomen der vorgeprägten Wahrnehmung zeigt sich vielleicht am deutlichsten in der Bewertung der Architektur. Je schneller und zügiger das Bauwerk errichtet wird, desto stärker äußert sich jene Abwehr der historischen Rekonstruktion, die seit Joachim Fests Aufruf zur Wiedererrichtung des Berliner Schlosses im Jahr 1990 nicht mehr verstummt. Dies aber ist verwunderlich, weil der Augenschein und das Raumge-fühl keinesfalls den Eindruck bloßer Rekonstruktion vermitteln, sondern den einer paradoxen Moderne. Stellas Architektur führt zunächst den Bau Schlüters wieder auf, um ihn im selben Moment gezielt zu brechen. Die Konfrontation etwa des im Juni enthüllten Eosandertores mit der umgebenden Form des italienischen Rationalismo führt beide Formwelten als Theater ihrer selbst zusammen. Wer vorurteilslos in das Atrium tritt, hat nicht den Eindruck eines historischen Zwangsapparates, sondern einer kalkulierten Mischung aus Erhebung und Irritation. Und bereits jetzt definieren sich die Höfe nicht als Inklusionen, sondern als sich öffnende Stadtplätze. Auf diese Weise entsteht kein Palast, sondern ein neuer Stadtteil. Schließlich setzt die Formschärfe des Ostflügels gegenüber dem Berliner Dom einen minimalistisch formstarken Kontrast. Aus Sicht des Bundestagsbeschlusses von 2002, die historische Fassade zu rekonstruieren, erscheinen all diese auf Widersprüche und Paradoxien ausgerichteten Motive als eine durchaus subversive Umsetzung dieser Bauaufgabe. Die Kritiker, dies könnte sie überzeugen, sind inkludiert.

Gegenwärtig vollzieht sich ein ähnlichecher Vorgang mit Blick auf die Kolonialzeit. Vor sechzehn Jahren wurde es als große, die Bundesrepublik auszeichnende Tat erachtet, dass die in Berlin-Dahlem bewahrten Sammlungen in das Berliner Schloss und damit an jenen Ort zurückkehren würden, wo sie sich bis 1855 befunden haben. Keine Gemeinschaft hat bislang Ähnliches konzipiert. Erstmals werden die außereuropäischen Kulturen im Herzen einer Nation auf eine prachtvolle Weise erhöht, wie dies an keinem anderen Ort geschehen ist und wohl auch nicht mehr geschehen wird. Dies war die Grundidee, die Peter Klaus Schuster in dem im letzten Jahr erschienenen Wagenbach-Band Das Humboldt Forum. Zur Wiedergewinnung der Idee als Heureka-Moment beschrieben hat. Ein Vergleich mit Paris mag verdeutlichen, was sich hier vollzieht: Die Objekte außereuropäischer Kulturen werden nicht im Museum von Quai Branly, sondern im Louvre stehen. Sechzehn Jahre nach diesem Momentum von 2001 ist das, was Antonio Gramsci die kulturelle Hegemonie nennt, in dieser Frage umgesprungen. Nicht die Wertschätzung der Exponate fremder Kulturen, sondern die hypostasierte Schuld, diese zu besitzen, steht gegenwärtig im Fokus. Vonseiten der Dahlemer Museen wie auch von Hermann Parzinger ist immer wieder betont worden, welche Anstrengungen mit Blick auf die Provenienzforschung bereits unternommen wurden. Vieles steht noch bevor. Für die dortigen Bestände sollen auf Grundlage bereits erbrachter Forschungen circa 10.000 Objekte in ihrer Provenienz bestimmt werden, was angesichts der Schwierigkeiten bei allen Aspekten der Provenienzforschung einen enormen Anspruch darstellt. Dass die Erwerbungsgeschichte der Kolonialzeit massiv erforscht wird, steht außerhalb jeder Diskussion. Es gehört zur Pflicht des Humboldt Forums, dieses Thema nach allen Seiten hin zu erörtern. In dieser Frage ist jede Kontroverse fiktiv.

Das nicht ansatzweise ausgeleuchtete Problem stellt sich vielmehr mit Blick auf die vorkoloniale Sammlungsgeschichte. Die Fixierung der öffentlichen Diskussion auf die Kolonialzeit hat diese Geschichte des Sammelns überblendet. In den Sammlungen des Berliner Schlosses wurden mit den Bereichen der Naturkunde, der Kunst und der Völkerkunde eine Universalität geprobt, die staunen lässt. Mit Blick auf die außereuropäischen Exponate der Kunstkammer des Schlosses hat Franz Kugler im Jahr 1842, im Klima des Vormärz, die erste jemals verfasste, liberale Weltkunstgeschichte vorgelegt. Diese Sammlungen standen in einem Zusammenhang, der das gesamte Feld der neu gegründeten Berliner Universität betraf, und aus diesem Grund erbte sie einen Teil der Sammlungen, was unter anderem, nach Jahrzehnten unablässigen Sammelns und Forschens, zur Auslagerung des Museums für Naturkunde führte. All dies begründet, dass die Bestände der Dahlemer Sammlungen und die Museen und Archive der Universität zu Zwillingskindern des Schlosses wurden.

Es wäre für die gegenwärtigen Debatten von Nutzen, sich diese Rahmenstellung zu vergegenwärtigen. Die Wege des Sammelns und Forschens werden immer wieder, selbst wenn kein kolonialer Hintergrund gegeben war, als Nebenprodukt der imperialen Verkehrswege bewertet. Aber wer wollte ernsthaft annehmen, dass etwa der Große Kurfürst in seiner Hochschätzung der chinesischen Kultur, die Berlin zu einem Zentrum von Sinia hat werden lassen, von hegemonialem Denken ausgegangen sei? Und ist Gottfried Wilhelm Leibniz’ Verehrung der chinesischen Wissenschaft und Mathematik, ist die China-Mode des 18. Jahrhunderts eine dissimulierte Selbstüberhöhung? Eine solche Annahme kann nicht anders als in Kategorien der Über- oder Unterordnung denken, um jedwedes Problem auf die Streckbank der Machtfrage zu legen. Die lähmende Ausblendung der kostbaren Kategorie der Wissbegierde, curiositas, als Grundbedingung jeder Empathie dem Fremden gegenüber, unterstellt zugespitzt, dass jeder, der eine fremde Sprache lernt, kurz davor steht, die Hauptstadt des betreffenden Landes zu besetzen.

Bezeichnend ist, dass die Erkenntnisse des Ethnologen Han Vermeulen in Deutschland, anders als im angelsächsischen Bereich, bislang nicht aufgenommen wurden. In seinem Werk Before Boas hat er vor zwei Jahren die Linie einer universalistisch angelegten Ethnologie rekonstruiert, die mit Leibniz und dessen Schülern beginnt, um sich über zahlreiche Forscher aus Göttingen, Berlin und St. Petersburg bis zum ersten Direktor des Berliner Völkerkundemuseums, Adolf Bastian, fortzusetzen. Erst dann geriet sie unter den Druck der evolutionär angelegten Ethnologie der Kolonialmächte. Über Franz Boas, der aus dieser Tradition stammt, wurde sie jedoch in der angelsächsischen Welt zum Auslöser jener kulturrelativistischen Wende, die bis heute gilt. The Berlin Liberalism war noch vor zehn Jahren ein Artikel überschrieben, der die Geschichte der Ethnologie zusammenfasste. Gerne wird heute übersehen, dass diese Schule um Bastian ihr Fach- und Sammelgebiet im zähen Widerspruch zum Wilhelminismus ihrer Tage betrieb. Ähnliches gilt für das Institut für Meereskunde, das den Begriff eines Ozeans verteidigte, der nicht etwa “Deutschlands Zukunft” tragen sollte, wie es der Kaiser wollte, sondern der als universaler Gleichmacher erachtet wurde: offen für weltweite, gleichberechtigte Forschungen.

Ohne Einbettung in diese Tradition stehen die beiden Personen, auf welche sich das Humboldt Forum bezieht, Alexander und Wilhelm von Humboldt, als einsame Denkmäler in der Landschaft. Die Negation der Vorgeschichte führt zur Isolierung von der gesamten, beeindruckenden und modellhaften Tradition, die von Leibniz über Georg Forster bis zu Franz Boas und Aby Warburg verläuft. In der Überschattung der kulturrelativistischen, revolutionären und demokratischen Tradition feiert das Diktum “Von Luther zu Hitler” eine späte Wiederauferstehung.

Generationen methodischer Reflexionen werden in einer solchen Debatte zurückgenommen. So hat etwa Aby Warburg über sein gesamtes Forscherleben an Beispielen Asiens, Europas und Altamerikas verfolgt, wie Werke der Kunst zwar in der Regel in Funktionen der Liturgie, der Repräsentation, der Reklame und der Selbstsicht eingebunden waren, um genuin aber die Fähigkeit zu besitzen, diese bedingenden Faktoren zu unterlaufen oder gar subversiv in ihr Gegenteil zu kehren. Diese Idee scheint nicht mehr relevant. Diese Grunderkenntnis, die es überhaupt verantworten lässt, auch nur eine Sekunde auf die Analyse und Wertschätzung der Kunst zu verwenden, dieses Element der Befreiung in einer administrativ und politisch verregelten Welt, ist weitgehend aus dem Blick geraten. Jacob Burckhardts in den Weltgeschichtlichen Betrachtungen formulierte Definition der Kunst als die “ewige Verräterin” wirkt wie getilgt. Wieder drohen die Werke zu Abziehbildern vorgefasster Epochenurteile zu werden.

Es steht außer Frage, dass immer neue und angesichts der wachsenden zeitlichen Distanz auch neuartige Anstrengungen unternommen werden müssen, um das kapitale Verbrechen des Nationalsozialismus und die historischen Ereignisse, die ihm den Boden bereitet haben, im Fokus des Geschichtsbewusstseins zu halten. Diese Bestimmung ex negativo bleibt unabdingbar geboten, aber sie hat ihrerseits einen Preis. Sie tendiert derzeit dazu, die Benennung der historischen Alternati-ven unter den Verdacht zu stellen, das Unrecht zu verkleinern. Reflexhaft wird ein solches Geschichtsmodell daher mit Positionen, wie sie die AfD vertritt, ver-bunden. Sie zielt jedoch auf einen gegenteiligen Gehalt: Die Kardinalfrage lautet, ob das deutsche Selbstbewusstsein allein auf Schuld und Scham aufgebaut werden könne oder ob es statthaft oder gar notwendig sei, allen jenen Bestrebungen, die im Nationalsozialismus und dessen Vorläufern vernichtet wurden, genau aus diesem Grund einen gebührenden Raum einzuräumen. Hierin liegt keine Entlastung von Schuld, sondern deren Präzisierung, denn sie nimmt zusätzlich all das in den Blickkreis, was getilgt und pervertiert wurde. Ein solcher Gedächtnisraum käme nicht triumphierend daher, sondern bezöge sich auf etwas, das verloren ginge, umso stärker aber erinnert werden sollte.

Die derzeitigen Kontroversen beziehen ihre extremen und immer wieder auch unnötig verletzenden Argumentationsweisen aus dem Umstand, dass sich die Legitimierung Deutschlands und Europas in der Welt nicht ohne ein gewandeltes Verständnis von Geschichte ereignen kann. In dieses Feuer ist das Humboldt Forum geraten, und dies ist der Grund, warum es bisweilen wie ein Schadenfetisch behandelt wird. Aber selbst dies ist eine Konsequenz seiner Bestimmung.

Die genannte Traditionslinie, aus der heraus Johann Gottfried Herder den Kulturrelativismus philosophisch zu begründen vermochte, fand seine Entsprechung in Wilhelm von Humboldts Konzept der Weltsprachen wie auch Alexander von Humboldts Begriff des Kosmos. Dieses Vorvergangene aufzurufen, um Zukunft denken zu können, geschieht offenkundig nicht ohne Konflikte, und dies betraf bereits die Genannten selbst. Das Humboldt Forum hätte seinen Sinn verfehlt, wenn es sich nicht als Ort einer unzeitgeistigen Gedankenschärfe erweisen würde, und dies heißt: als ein Ort radikal verstandener Toleranz.

Horst Bredekamp ist Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin und Mitglied der Gründungsintendanz des Humboldt Forums.

Der Artikel wurde am 31. August 2017 in der Wochenzeitung DIE ZEIT veröffentlicht.